marlene schulz

Zuallerletzt


Ein Ohr fehlte. Das Fell war kurz. Hellbraun karottig wie der Dünnschiss eines Kleinkindes. Polyester. Unregelmäßig in der Länge. Manche Operation verlangte Schnitte. Und Nähte. Esther stand vor der Kommode. Der Bär war in der untersten Schublade, die sich schwer öffnen ließ. Quietschte, als das Holz aneinander rieb. Mutter hatte sich zuletzt nicht mehr bücken können.
Falsch. Zuletzt konnte sie nicht mehr laufen. Erkannte Esther nicht. Vielleicht hätte der Teddy Erinnerungsbruchstücke zurückgebracht. Jetzt, noch ein Zuletzt, war auch das Sprechen nicht mehr möglich. Nur noch Stöhnlaute aus einem zahnlosen Mund, aus einem fremden Bett in dem bald eine andere liegen wird. Oder ein anderer. Und danach wieder einer. Die gleiche Bettwäsche, die Tasse, der Teller, Besteck, das gleiche Zimmer. Alles bleibt. Auch das Bild an der Wand. Blumenstrauß in gemalter Vase. Blasse Klekse auf kahler Wand, gerahmt.
In der Wohnung hingen Fotografien an den Wänden. Esther im Kinderwagen, Esther mit einem Ball zwischen beiden Händen, den Pony frisch geschnitten. Kurz. Schief. Der erste Schultag, die Konfirmation, das Hochzeitsbild der Eltern. Eine Schwarzweißaufnahme. Mutter hatte keinen Schleier. Auch kein Kleid. Ein schwarzes Kostüm mit weißer Bluse, einen Strauß Nelken in der Hand. Ich wollte nicht wie jede aussehen, sagte sie, als Esther danach fragte. Das einzige Foto mit ihrem Vater an der Wand. Andere Bilder von ihm hatte die Mutter weggeworfen, nachdem er ausgezogen war. Einzog bei einer anderen Frau, in einer anderen Stadt. Esther hatte sie nie kennen gelernt. Den Kontakt zum Vater, der Mutter zuliebe, abgebrochen. Er hatte nie versucht, sie für sich zu gewinnen. Sie wusste nicht, ob sie anrufen wird, wenn zuallerletzt auch die Stöhnlaute nicht mehr sind. Nichts mehr war. Nur noch ein leeres Bett. Frisch bezogen für den Nächsten.
Der Teddy hatte in Esthers Bett geschlafen. Ging sie zur Schule, musste er zuhause bleiben.
Die anderen Sachen aus der Kommode stopfte sie in einen Plastiksack. Verschnürte ihn für die Altkleidersammlung. Die Bücher, die ohnehin dem Vater gehörten, hatte sie in den Papiercontainer geworfen. Ein paar wenige zum Antiquariat gebracht. Das Geschirr gab sie im Studentenwohnheim ab. Die Möbel, bis auf die alte Kommode, die noch von den Großeltern sein musste, konnte sie in ihrer Wohnung nicht unterbringen. Keine weiteren Stücke von materiellem Wert. Nur: Erinnerung. Die Spitzendeckchen in der Schrankwand, die Esther zum Muttertag gehäkelt hatte. Und die beiden Schwarzwaldmädchen in Handgröße aus einem frühen Urlaub, als der Vater noch dabei war. Und eine kleine Porzellanfigur. Ein Postbote. Das hatten die Kollegen Mutter zum Ruhestand geschenkt. Zur Erinnerung ans tägliche Briefeaustragen.
Die Bilderrahmen an der Wand hinterließen dunkle Schattenränder auf der Tapete. Die Rahmen gab Esther bei einem Secondhandladen ab. Die Fotos behielt sie.
Was sollte sie dem Pfarrer erzählen? Dreiundzwanzig Jahre hatte sie hier gelebt, mit ihr. Wusste nichts über sie zu sagen. Kannte nur ihre Stimme, ihre immer gleichen Kittelschürzen, die Sonntagskleider, die Handtasche, die Lockenwickler. Die Hände, dunkel gefurcht von der Gartenarbeit.
Sie tanzte gerne. Sonntags beim Abwasch legten sie Schallplatten auf. Vor und Seit und Rück und Seit, gab ihre Mutter vor, dirigierte sie durch die Küche, das Geschirrtuch über der Schulter. Sie sangen mit Sigi Hoppe: Klara. Das Beduinenkind aus der Sahara. Im Winter strickte sie Socken. Auto fahren konnte sie nicht, nicht schwimmen, keine fremde Sprache sprechen. Im Ausland war sie nie. Südtirol zählte nicht. Dafür brachte sie den Leuten Briefe und Karten aus allen Ländern. Esther half in den Ferien. Die Mutter schimpfte, wenn Esther die Postkartengrüße auf der Straße laut vorlas.
Mutter konnte nähen, flickte die Nachthemden des Vaters und die Bettlaken. Die dicken Nähte störten beim Einschlafen. An Blumen aus dem Garten konnte sie sich erfreuen. Nicht die gekauften, das Geld war zu schade.
Zweimal waren sie in den Urlaub gefahren. Einmal mit dem Kirchenchor des Vaters nach Meran und einmal zu dritt in den Schwarzwald. In der Nähe des Titisees hatte Esther einen Wanderstock bekommen. Und kleine Wappen zum Aufnageln. An erster Stelle war der silberne Kopf eines Hirschs. Am See waren sie nie. Mutter hatte Angst, Esther könnte ins Wasser fallen. Auch Wanderungen unternahmen sie nicht. Liefen nach dem Frühstück durch das Dorf, kehrten ein für Schnitzel mit Rahmsauce, für Kaffee und Schwarzwäldertorte und abends für eine kalte Schlachtplatte mit Brot. Nach den Mahlzeiten hielten sie sich im Pensionszimmer auf. Die Mutter redete über die Arbeit, die zuhause liegen blieb, während der Vater die Armbanduhr aufzog oder nach dem Mittagessen mit Schuhen an den Füßen auf dem Bett lag, schnarchte. Der Teddybär lag in der Mitte des Doppelbetts, dort, wo Esther im Urlaub schlief.
Die zweite Hälfte des Ehebetts war leer geblieben, als der Vater alles zurückließ. Esther legte sich auf die Seite der Mutter, wenn sie am Wochenende zu Besuch kam, zu ihr ging in den kahlen Raum mit dem Blumenbild an der Wand. Dort, wo ihre Mutter sie nicht erkannte.
Esther hatte nicht mehr viel Zeit. Bis Ende des Monats musste die Wohnung geräumt, frei für den nächsten sein. Vierzig Jahre hatte die Mutter hier verbracht. Vierzehntausendsechshundert Tage und Nächte abzüglich der beiden Urlaube.
Macht vierzehntausendfünfhundertachtundsechzig Mal das gleiche Bett. Jeden Morgen der gleiche Ausblick zum Haus gegenüber, runter auf die Straße. Bald wird jemand anders aus dem Fenster schauen, rüber zum Nachbarhaus, runter auf die Straße. Aus einem anderen Bett in der gleichen Wohnung aufstehen, das gleiche Badezimmer benutzen. Die Ärztin hatte ausgeschlossen, dass Mutter je wieder hierher zurückkommen würde. Die Wohnung wirkte abgemagert trotz des Erinnerungsspecks, der in den Räumen hing. Die Mutter hob alles auf. Gummiringe, Metzgertüten, Plastikbeutel, Kassenzettel. Auf der Rückseite war Platz für die Einkaufsliste. Weihnachten wurde das Geschenkpapier mit einem Küchenmesser geöffnet, vorsichtig die Klebestreifen durchtrennt, das Papier ordentlich gefaltet, später, vor neuem Gebrauch, gebügelt, das gezwirbelte Geschenkband mit der Schere begradigt. In einer Tüte aufgehoben, die unten im Schlafzimmerschrank lag. Da versteckte Mutter auch die Geschenke. Lametta wurde jedes Jahr wieder verwendet. Das gleiche Lametta. In einer Kiste im Keller hatte Esther die abgegriffene Faltverpackung entdeckt. Die Weihnachtskugeln warf sie ungesehen in den Restmüll. Sie hätte nicht widerstehen können. Jeder Wegwerfwurf ein Stich in die Brust. Bilder der Mutter im Nacken. Zwischen Stöhnen und Schimpfen. Was noch gut ist, wird nicht weggeworfen.
Der Teddy war nicht mehr gut. Sie musste ihn behalten, auch wenn sie keine Kinder hatte. Sie keine mehr bekommen würde. Kinder, denen sie hätte erzählen können von damals. Ihre Mutter hatte selten von früher erzählt. Was du immer wissen willst. Immer war zwei, drei Mal. Dann hatte Esther aufgehört zu fragen. Machte ihre Schulaufgaben, später den Haushalt, wenn Mutter an Samstagen und Sonntag zum Servieren ging. Das zusätzliche Geld konnten sie gut gebrauchen. Für die Schulbücher, die Monatskarte, die Klassenfahrt, den Tanzkurs. Manchmal ging Esther mit zum Wirtshaus. Half beim Spülen, hatte Gefallen daran, hinter dem Tresen zu stehen, die Gläserspülbürste zu bedienen. Wenn die Gaststube voll war, bekam Esther zwei Zehner von der Mutter, für den Spielautomaten. Einmal klackerte das ganze Geld aus dem Schacht. Hörte nicht mehr auf. Esther hatte sich geschämt. Sie wollte nichts kaputt machen. Die Gäste lachten, zeigten mit dem Finger auf sie. Auch Mutter lachte, raffte die Münzen in ihr schwarzes Kellnerportemonnaie. In der Küche durfte Esther die Pommes frites ins heiße Fett heben. Sah zu, wie die hellen Stäbchen golden wurden. Zuhause, im Bett, rochen die Haare danach. Mutter kam erst nach Mitternacht zurück. Da musste Esther längst schlafen. Zum Frühstück vor der Schule war sie schon auf der Post. Nur sonntagsmorgens aßen sie zusammen. Mutter backte Wecken mit Rosinen.
Der Teddy. Nein. Nicht behalten. Besser:
Der Mutter ins Bett legen.

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