versprochen

marlene schulz

Versprochen

Nein, sie sind nicht angekommen, entzifferte Eric auf der Pappe, die die junge Frau mit den Dreadlocks in der Hand hielt, sich suchend umsah. Er las den Satz noch einmal, hatte keine Idee, was damit gemeint sein konnte.
Der Minutenzeiger auf der Bahnhofsuhr sprang einen Strich weiter. Drei Uhr nachmittags. Die junge Frau schaute ihn an.
„Hast du sie vielleicht gesehen?“, fragte sie Eric.
„Glaube ich kaum.“
„Bist du von hier?“
„Ich?“
„Nee du.“
Eric steckte die Notizen, die er sich im Zug für das Deutschreferat gemacht hatte, in seinen kleinen Koffer.
„Bist du jetzt von hier oder nicht?“
„Naja, irgendwie schon.“
„Wie geht irgendwie?“
„Ab und zu eben.“
„Ab und zu bist du von hier. Und jetzt gerade?“
„Jetzt gerade …“, Eric strich sich mit dem Handrücken über seine kalte Nase. „Jetzt gerade bin ich von hier.“
„Prima.“
„Was heißt prima?“
„Na, ich komme gerade aus Berlin. Jetzt bin ich in Frankfurt und kenne keinen.“
„Was machst du dann hier?“
„Gucken, was geht.“
„Wie? Was geht?“
„Mal gucken eben.“
„Und das Schild?“
„Hat nichts zu bedeuten. Wollte nur mal sehen, ob einer reagiert.“
„Und was ist, wenn einer reagiert?“
„Dann quatsche ich mit dem.“
„Und dann?“
„Dann frag‘ ich ihn, wenn er nett aussieht, ob er ein Bett für mich hat. Für zwei, drei Nächte. Hast du?“
„Hab‘ ich was?“
„Ein Bett. Für mich.“
Eric schaute auf ihren Mund. „Ich bin nicht nett.“
Ihre Lippen sahen aus wie gebügelt.
„Doch. Irgendwie schon.“ Feli fuhr sich mit der Zungenspitze über die Unterlippe. „Und?“
Ihre Augen waren groß, braun, dunkelbraun, die Wimpern lang.
„Hast du ein Bett?“
„Ein Bett? Natürlich hab‘ ich ein Bett.“
„Für mich?“
„Ein Bett? Natürlich hab‘ ich ein Bett.“
„Für mich?“
„Du. Ich hab‘ ‘ne kranke Mutter zuhause. Da geht gar nichts mehr.“
„Wie, da geht gar nichts mehr?“
„Sie stirbt bald.“
„Und du?“
„Was und ich?“
„Was machst du mit einer sterbenden Mutter?“
„Was soll ich schon mit ihr machen? Ich wische ihr die Spucke vom Mund, koche ihr was, sitze an ihrem Bett und sehe ihr dabei zu, wie sie stirbt.“
„Lass mich mitkommen.“
„Ich weiß nicht, ob ihr das gefällt.“
„Wenn du es jetzt nicht weißt, dann wirst du es auch nicht wissen, wenn du mich hier stehen lässt.
„Warum ich?“
„Weil du irgendwie anders aussiehst.“
„Anders.“
„Ja. So, als würdest du nichts wollen.“
„Von wem?“
„Von mir. Von all denen, die hier ‘rumlaufen.“ Feli machte eine ausladende Bewegung mit ihrem rechten Arm. Eric sah den gestrickten Stulpen nach.
„Machst du das immer so?“
„Was immer?“
„Dir eine Bleibe suchen.“
„Ich suche keine Bleibe. GEBLIEBEN bin ich viel zu lange. Jetzt bin ich weg. Hier. Und ob ich bleibe? Keine Ahnung. Ich suche einfach nur ein Bett. Mehr nicht. Ich will pennen und in Ruhe gelassen werden.“ Feli fixierte Erics Augen. „Ich kann kochen.“
„Du kannst kochen.“
„Ja.“
Eric malte sich aus, wie er mit diesem Mädchen in den Hausflur treten, wie Frunzkes aus der Wohnung im Erdgeschoss zuerst ihn und dann sie betrachten würden, ihre schulterlangen, schwarzen Haare, den kurzen Rock über der Leggins, die hohen Stiefel, ihren Rucksack. Der Gedanke begann ihm zu gefallen. Seine Mutter müsste nichts mitbekommen. Das Gästezimmer war ohnehin frei. Ein schmaler Raum mit einem Bett.
„Überlegst du noch? Oder kannst du selber kochen?“
„Ja. Und ja.“
„Ja und ja?“
„Genau.“
„Ich tu‘ dir nichts“, sagte sie.
Eric lächelte. „Das beruhigt mich. Doch.“
Feli reichte ihm die Pappe. Nein, sie sind nicht angekommen.
„Fertig überlegt?“
„Keine Ahnung, warum ich das tu‘. Aber okay.“
„Okay was?“
„Frag‘ nicht so viel. Komm‘ einfach mit.“ Eric sah sie an, als sie den Rucksack über eine Schulter hob. Der Riemen klemmte ein paar Locken ein. „Aber eines ist klar. Wenn du nervst, gehst du.“
„Versprochen.“

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