marlene schulz

Vergissmeinnicht


Rügen ist gelb, Rapsfelder, überall. Jeder denkt: weiße Klippen wie Dover. Und dann: nichts als gelb! So gelb, dass die Augen schmerzen.

Amanda wäre gerne mit ihm dorthin gefahren, obwohl sie gelb nicht mochte, gelbes Plastik nicht, gelbe Zähne nicht, gelbe Fußnägel. Die Rapsfelder leuchteten, hatten nichts Schmutziges, Verderbliches, Verwestes. Die Rapsblüten bewegten sich im Wind und rissen dennoch kein Loch in das grelle große Gelb. Amanda hatte einmal ein Foto gemacht von diesen Feldern, draufgeschrieben: Hier mit dir, was meinst du? 
Bernhard meinte gar nichts. So war er. Er ließ nichts von sich hören, manchmal jahrelang nicht, verschwand hinter der Arbeit, hinter den Kindern, der Frau, hinter seinem Vorgarten, bis er plötzlich wieder ein Lebenszeichen von sich gab, sich treffen wollte, sofort.

Frieda trug jeden Tag eine Kittelschürze, nur sonntags nicht. Und das Wichtigste: Im Schürzenmuster mussten violette Farbtupfer vorkommen, damit die Flecken der Brombeeren, des Holunders und der Kirschen, die aus dem Topf spritzten, wenn sie Marmelade einkochte, nicht auffielen.
Amanda wohnte gegenüber und manchmal kam sie herüber, dann tranken sie einen Piccolo zusammen oder ein Gläschen Holunderlikör, der ihnen beiden nicht schmeckte.
Wie steht‘s mit der Liebe?, hatte Frieda einmal gefragt.
Die steht nicht, hatte Amanda geantwortet und dann noch: Naja, meistens hält sie sich versteckt und manchmal, ganz schön selten, steht sie auf und hüpft wie wild vor meiner Haustür bis ich sie reinlasse.
Frieda konnte genau sehen, wen Amanda ins Haus ließ. Sie guckte nicht absichtlich, stand nur oft an der Arbeitsplatte vor dem Fenster, kochte, füllte Gelee in kleine Gläser, beschriftete Zettel mit der Sorte, dem Monat und Jahr und klebte sie auf die Schraubverschlüsse, backte, machte etwas in der Küche. Jede Bewegung draußen nahm sie im Augenwinkel wahr und zwischen einzukochenden Beeren und dem Löffelkreisen im heißen Topf schaute sie nach draußen.
Inzwischen kannte sie die aufstehende Liebe. Nicht dass jene oft bei Amanda gewesen wäre, vielleicht war es nur fünf, sechs Mal in all den Jahren, die sie gegenüber wohnten.
Frieda wusste nicht viel von diesem Mann, nicht einmal seinen Namen. Nur wenn er ging, standen sie lange in der offenen Tür und ließen sich nicht los. Amanda trug die Tage danach gerne die Kleider mit den großen Blumen und dem flatterigen Stoff, der hinter ihr her wehte, wenn sie aus dem Haus ging. Dann vergingen die Tage und die Blumen auf den Kleidern wurden kleiner, die Schnitte enger, die Farben gedämpfter.

Ich bekomme ihn nicht aus dem Kopf, hatte Amanda einmal gesagt. Sie kannte ihn schon ihr halbes Leben lang.
Als sie das letzte Mal einen Piccolo zusammen tranken und Amanda schon die Haustüre zum Gehen geöffnet hatte, sagte sie: Er wird nicht wieder kommen. 

Jeden Tag im Frühling stellt Amanda rosafarbene Vergissmeinnicht auf sein Grab. Die blauen mag sie nicht.




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