marlene schulz

Unser letzter Sommer

Wir verbrachten unsere letzten Sommerferien zu dritt. Mona, Paul und ich. Morgens schliefen wir lange, mittags trafen wir uns am Fluss, saßen im Gras, aßen Kirschen, Aprikosen, Tomaten oder nichts. Rupften einen Grashalm, spannten ihn zwischen die Daumen unserer zusammengepressten Handflächen und bliesen in den Schlitz, der über den Handballen entstand. Wir machten, wer am Lautesten, am Schrillsten pfeifen konnte. Manchmal rauchten wir. Mona hatte Paul und mir beigebracht, wie man eine Zigarette drehte mit Blättchen und Filter und losem Tabak.
An einer Stelle des Ufers, in die ein paar Stufen eingelassen waren, gingen wir ins Wasser, schwammen ein paar Runden, spritzten uns nass, tauchten, kamen wieder hoch, drückten uns die Köpfe gegenseitig runter, legten uns rücklings aufs Wasser mit ausgebreiteten Armen, gingen wieder raus, wenn wir genug hatten, die paar Stufen an Land, schlangen uns ein Badetuch um, rubbelten uns gegenseitig trocken. Ich zog unter dem Tuch meinen nassen Bikini aus und einen trockenen an.
Einmal nahmen wir mitgebrachte Himbeeren aus dem Garten meiner Eltern auseinander, zählten die einzelnen Körner, die an den Seiten plattgedrückt waren wie Mais und fanden, dass sie auf ihrer Unterseite, wenn sie so aufgebrochen vor einem zwischen den Fingerspitzen lagen, aussahen wie fette Mitesser. Iiiihhh, sagten wir gleich darauf, lachten und stopften sie schnell in den Mund.
Immer saßen oder lagen wir nebeneinander hin zum Wasser, manchmal das Badetuch auf dem Kopf. Mal war Paul in der Mitte, mal Mona, aber immer saßen Paul und Mona nebeneinander. Erst bemerkte ich es nicht. Jeden Tag rückten sie ein Stück näher zusammen, und wenn es regnete, nahm Paul sein Handtuch, breitete es über seinem Kopf aus, machte einen Arm lang, um sein Tuch rüber zu Mona, über ihren Kopf hinweg, auszubreiten.
Es war gegen Ende der Sommerferien.
Ich war zuerst an unserem Platz, wartete. Dachte, sie kommen bestimmt bald. Die Mirabellen waren gerade reif geworden und ich brachte welche mit. Fing an sie zu essen, spuckte den Kern in Richtung Wasser. Ich schaffte es nicht über die Wiese hinaus, aß alle auf, die ich für uns drei dabei hatte. Sie kamen nicht, weder Mona, noch Paul. Es war nur unser Platz gewesen, wenn wir gemeinsam hier waren, alleine wollte ich nicht bleiben.
Ich lief ein Stück flussabwärts bis zu der Stelle, an der Boote zu mieten waren. Ich lieh mir das kleinste, stieg ein und ruderte ein Stück, ließ mich treiben, ruderte weiter, schaute rechts und links auf das Ufer, beobachtete die Enten mit ihren Jungen, ruderte und ließ mich treiben. Da sah ich sie: Mona und Paul saßen ineinander verschlungen im Gras, die Füße nackt. Sie küssten sich und Mona hatte ihre Arme um Pauls Hals gelegt. Ich konnte nicht aufhören, hinzugucken, sah Pauls Rücken, seine wilden Locken, Monas Hände, drehte das Boot und meinen Kopf mit, hielt meinen Blick auf die beiden gerichtet. Sie hörten auf zu knutschen, blieben weiter verschlungen. Da bemerkte ich, dass Mona mich gesehen hatte, sie schaute mich an. Ich wollte schon winken oder etwas rufen. Doch: Sie gab mir ein stummes Zeichen, legte ihren ausgestreckten Zeigefinger auf ihre verschlossenen, zuvor liebkosten Lippen. Gleich darauf machte sie eine hastige Bewegung mit der Hand, ein Verschwinde-Gewedel. Ich lag mit dem Boot im Fluss, winkte nicht, rief nicht, machte nichts, guckte nur.
Paul wollte sich gerade umdrehen. Mona wendete sich seinem Gesicht zu, fasste ihn am Kinn und lenkte seinen Kopf, seine Lippen, auf ihre. Er sah mich nicht.
Es war der Sommer, in dem ich Mona auch gerne geküsst hätte.

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