marlene schulz

Meine Tante Resi


Die drei da auf der Treppe: in der Mitte meine Tante, dahinter ihre Schwester und vorne Fabi. Er hat wieder die Finger im Gesicht, kratzt sich die Pickel auf, das gelbe Zeug darin findet er eklig. Das gibt Narben, wird er schon sehen.
Meine Tante färbt sich die Haare. „So schwarz“, sagt sie, „wie das Pech, das ich im Leben habe.“ Sie hatte einen Mann, das ist lange her, der ist irgendwann weg mit einer Jüngeren, die sein Kind hätte sein können und unbedingt ein Kind von ihm wollte. "Der Berti kann schlecht nein sagen, schon immer“, sagt meine Tante. „Den konntest du um alles bitten.“ Da war Fabi sieben.
Die Schwester meiner Tante passt zwei Mal in Tante Resi, sie redet nicht viel und kann breite Streifen quer tragen, ohne dass es aufträgt. Tante Resi trägt gerne etwas Enges, darunter einen Büstenhalter, der ihre Brüste aussehen lässt, als wären sie auf der Brust getragene Fastnachtshütchen mit Gummi unter dem Kinn, nur ohne Gummi. Über dem Engen trägt sie gerne etwas Weites. „Das streckt“, sagt sie. „Kaschiert die Ringe.“ Dabei klopft sie mit beiden Händen auf ihren Bauch. Die Haare sind hochtoupiert. Das macht sie selbst, und wenn nicht sie, dann eben ihre Schwester.
Das Bild von den Dreien hängt neben meinem Bett. Es ist schwarz-weiß, sechzig Zentimeter breit, sechzig hoch und nicht zu übersehen. Wenn ich nachts spontan männlichen Schlafbesuch habe, das kommt regelmäßig vor, erzähle ich die Geschichte von Tante Resi, ihrer Schwester und Fabi. Ich kann sie im Schlaf hersagen, nüchtern und sogar volltrunken. So oft habe ich sie schon erzählt.
Ich fertige gerade eine Studie an über die Reaktion meiner Schlafbesucher auf das Bild und meine Erzählung. Abhängig vom Besucher und den Umständen schmücke ich sie aus oder kürze. Manchen erzähle ich sie zwei Mal. Einmal, wenn sie das Bild entdecken und das zweite Mal, wenn sie nicht gehen wollen. In solchen gar nicht mal so seltenen Fällen ergänze ich beispielsweise, dass inzwischen ein medizinischer Befund vorliegt, auch eine Zweitmeinung, dass Fabis Pickel im Gesicht keine Pickel sind, sondern Zeichen einer seltenen, wahrscheinlich ansteckenden Erkrankung, die irgendwann den gesamten Körper befallen wird, und dass sich deshalb alle Personen seines Umfeldes regelmäßig untersuchen lassen müssen - dabei kratze ich mich an einer beliebigen Körperstelle - und dass er gerade gestern bei mir übernachtet hat, der Arme. Danach gehen sie. Das geht dann sehr rasch.
Das Tollste ist: Ich kenne die drei auf dem Bild gar nicht.

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