marlene schulz

Köttel im Gepäck


Seine Familie nannte ihn Jakob. Die anderen sagten Two, denn er war Jakob, der Zweite. Den ersten kannte er nicht. Ein Onkel.
Tutu, riefen sie ihm manchmal hinterher. Tutu, Tütü, pfiffen sie. Du traust dich ja doch nicht, hatten sie gesagt. Wetten?
Es waren die älteren Jungen auf dem Schulhof, die ihn ausgesucht hatten, für ihre Spielchen.
Jakob traute sich, schlich in der Dämmerung in Nachbars Garten, öffnete den Stall, packte das Kaninchen am Nacken, hob es hoch, betrachtete das langgestreckte Bauchfell, köttelverfärbt, setzte das Tier in den Rucksack, den der Vater immer aufhatte, wenn sie sonntags hoch in den Wald gingen. Vater, Mutter und alle zwölf Kinder.
Scher dich zum Teufel, schrie er. Was bist du für einer, dass du klauen musst? Hab ich’s dir nicht beigebracht, du Gauner. Für dich werd‘ ich nicht mit dem Finger auf mich zeigen lassen. Ich will dich hier nicht mehr sehen. Raus!
Die Mutter hatte die Hand vor den Mund gehalten.
Wenn Vater raus sagte, meinte er raus. Kein Reinkommen mehr.
Sie hatten einen Stuhl vom Esstisch weggestellt, das Foto vom ersten Schultag aus dem Album genommen. Den elf anderen war es verboten, Jakob jemals wieder zu erinnern.
So einer gehört nicht zu uns, hatte der Vater gesagt, die Mutter geschwiegen.
Jakob der Zweite. Den Rucksack hatte ihm der Vater hinterhergeworfen. Jakob der Zweite war sechzehn. Alles, was er bei sich hatte, war ein leerer Rucksack. Und ein paar Kaninchenköttel.

Von den Geschwistern waren drei noch am Leben. Adam hatte für das Familientreffen eine Chronik erstellt. Vater, Mutter, das Hochzeitsdatum, die Todestage. Dann der Reihe ihrer Geburt nach die Geschwister, die Angetrauten, Kinder, Enkel. Zuerst die drei Mädchen, dann er selbst, nach ihm Karl. Fünf. Georg, Elisabetha, Heinrich. Acht. Walter, Franziska. Zehn. Und schließlich Herbert.

Sie nannte ihn Jack, Jakob ging ihr zu schwer von der Zunge. Seine Augen mochte sie besonders an ihm. Dieses Blau, wie Vergissmeinnicht. Nein, Familie habe er nicht, keine Geschwister, auch die Eltern bereits früh verloren.

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