marlene schulz

Heute am siebten Februar

beginne ich mit meinem Bericht. Ich werde alles genauso aufschreiben, wie es mir in den Sinn kommt. Ob heute wirklich der siebte Februar ist, weiß ich nicht genau zu sagen. Es scheint mir unerheblich. Ich fürchte, dass sich manches anders zugetragen hat, als meine Erinnerung es preisgibt.
Seit geraumer Zeit schreibe ich Zettel mit kleinen Gegebenheiten. Das tue ich, um nicht alles zu verlieren. Ich hege die Hoffnung, dass mein Gedächtnis auch noch nach geraumer Zeit Verbindung zu den Dingen herstellt, die meine Notizen in sich bergen. Die Zettel liegen lose in einer Obstschale, die auf dem Tisch steht. Ich kann nicht sagen, was mich veranlasst hat, sie zu schreiben. Ich kann auch nicht sagen, was mich veranlasst, hin und wieder danach zu greifen und einen Zettel auszuwählen. Ich nehme an, die Frage nach dem Warum hat keine Relevanz.
Auf einem Zettel steht: Wohnung gekündigt – Zimmersuche. Heute am siebten Februar, vielleicht ist es auch der dritte, mache ich mir Gedanken, was die Notiz bedeutet. Habe ich die Wohnung, meine Wohnung, gekündigt und suche jetzt ein Zimmer? Wenn ich meine Wohnung gekündigt habe, werde ich bald keine mehr haben. Oder habe ich bereits eine andere? Ich fürchte, das kann nicht sein, sonst wäre der Zusatz Zimmersuche sinnfrei. Also habe ich die Wohnung gekündigt und suche ein Zimmer. Es ist davon auszugehen, dass ich mich räumlich verkleinern möchte. Ich werde mich von meinen Büchern trennen müssen, auch von der Sitzgruppe, zumindest teilweise. Ich weiß nicht, jedenfalls noch nicht, was es mit der Zimmersuche auf sich hat. Ich könnte vorsorglich an verschiedene Personen schreiben und fragen, ob sie ein Zimmer für mich haben, das ich dann in Gebrauch nehmen kann, wenn die Vermieterin mich ans Ausziehen erinnert. Ich frage mich, welche Personen ich darauf ansprechen könnte. Wo finde ich solche, die ich ansprechen kann? Ich fürchte, darüber werde ich länger nachdenken müssen.
Auf einem weiteren Zettel steht: Weihnachten, Hörspiel im Bett. Hörspiele. Ich meine mich zu erinnern, dass ich diese nicht sehr gerne höre. Ich gehe lieber ins Kino. Bei einem Hörspiel irritieren mich die vielen unterschiedlichen Stimmen, und dass ich mir merken muss, wer wer ist. Bei einem Film ergeben Stimme, Verhalten und Aussehen ein Bild. Das ist besser zu behalten. Ich erinnere mich nicht an ein Hörspiel, das ich zu Weihnachten hätte gehört haben können. Soweit ich informiert bin, habe ich keinerlei Hörspiel in meiner Wohnung.
Vielleicht gehören mir aber sehr viele Hörspiele, und ich habe sie, da es so viele sind, bereits in eine Kiste gepackt, da ich meine Wohnung bereits gekündigt habe und auf Zimmersuche bin. Es besteht auch die Möglichkeit, dass ich alle Hörspiel-CDs an die Stadtbücherei gespendet habe. Das kommt mir vernünftig vor.
Auf einem anderen Zettel steht: Elektroroller mit Treppe und drei Rädern, er kann nicht umfallen. Darüber staune ich wirklich. Die Technik in dieser Zeit ist sehr weit fortgeschritten. An einen Elektroroller mit Hochsitz auf drei Rädern kann ich mich nicht entsinnen. Vielleicht fällt dies in den Bereich der Forstwirtschaft und es geht um ein geländegängiges Fahrzeug, um eine Art mobilen Hochsitz mit Transportkorb für erlegtes Wild. Das könnte sein. Habe ich denn ein Gewehr? Kann ich schießen? Es scheint mir möglich, auch wenn mir gerade nicht einfallen mag, wo ich das erlernt haben könnte.
Einen solchen Elektroroller habe ich noch nie gesehen, jedenfalls nicht, dass es mir bewusst wäre. Ich nehme an, dass sich damit ein oder zwei Kartons mit Hörspiel-CDs zur Stadtbücherei problemlos transportieren lassen, ebenso Kleiderkisten und Kartons mit Küchenutensilien im Falle eines Umzugs von einer, meiner, Wohnung in ein Zimmer. Wobei noch zu klären wäre, ob es sich bei dem Umzug um eine Umsiedlung in eine Ein-Zimmer-Wohnung handelt oder ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft. Ich fürchte, dass ich für eine Wohngemeinschaft nicht ganz die richtige Type bin, da ich möglicherweise viel zu laut und viele Stunden lang ununterbrochen, auch in der Nacht, Hörspiel-CDs höre, sofern ich dafür tatsächlich ein Faible habe.
Die Lautstärke, die mir gerade in den Sinn kommt, lässt mich daran erinnern, dass die Ärztin mir inzwischen zum dritten Mal in Folge anempfohlen hat, mir einen Hörcomputer in mein Hirn einbauen zu lassen, damit ich ein Auto auch von links höre, wenn es eben nicht, wie von mir angenommen, von rechts kommt. Dies ist eine lebensbejahende Maßnahme, sofern ich mit dem elektrisch betriebenen Hochsitz meine Umzugskisten heil in meine neue Ein-Zimmer-Wohnung bringen möchte. Wenn ich dem Rat der Ärztin folge, jedoch nach dem Einbau zeitig ablebe, können Personen, die mich gekannt haben könnten, sagen, dass es doch nicht funktioniert hat. Dies ist dann der Fall, wenn mich jemand schuldlos mit meinem Hochsitz überfahren hat. Sollte es so kommen während ich im Transportkorb Hörspiel-CDs transportiere, wäre es angemessen, wenn diese gerettet werden und der Stadtbücherei als mein Vermächtnis übergeben werden könnten, zumindest jene, die den Unfall schadlos überstanden haben. Dabei ist es nicht erforderlich meinen Namen zu nennen. Das ist ohne Bedeutung. Im Moment will mir jedoch nicht einfallen, wer sich um die überlebenden Hörspiel-CDs kümmern könnte. Ich muss nachsehen, ob ich ein handschriftliches Adressverzeichnis führe und mir Gedanken darüber machen, wo ich dieses gegebenenfalls aufbewahrt haben könnte.
Auf noch einem Zettel steht: Geburtstagsfeier ohne Geburtstagskind. Das klingt mir nach keinem Grund zur Freude. Wenn ich bereits ein Geburtstagsfest geplant habe, vielleicht ein letztes Mal in meiner Noch-Wohnung, jedoch mit dem dreirädrigen Fuhrwerk verunfalle und vom Hochsitz in den Tod stürze, kann ich, sollte ich das Geburtstagskind sein, das eingeladene Personen mit einer Hörspiel-CD beglücken möchte, nicht zu meiner eigenen Feier kommen. Das scheint mir recht bedauerlich.

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