marlene schulz

Zusammen passen


Silvie ist eine junge Frau. Sie ist siebenundzwanzig.
Sie lebt nicht alleine. Lebt mit einem Mann zusammen.
Das sagt sie aber niemandem.
Andere Männer glauben, dass Silvie auf der Suche ist. Auf der Suche nach einem Mann.
Vielleicht ist sie das auch. Auf der Suche nach einem Mann.
Der eine, der bei ihr zuhause wohnt, reicht ihr nicht.
Sie mag ihn, aber auf Dauer ist er ihr manchmal lästig.
Es gibt aber auch Tage, da freut sie sich auf ihn.
Dann ist es so, wie wenn sie von einer Reise zurückkommt und beim Erkennen vom Kirchturm fühlt, dass sie wieder zuhause ist. So zuhause, dass sie am liebsten gleich wieder weggehen würde. Weil der Anblick des Zuhauses sie so satt macht, dass sie mehr davon gerade nicht gebrauchen kann.
Greg ist ein Bekannter von ihr. Er heißt eigentlich Gregor.
Das Wort Bekannter verwendet Silvie sonst nie. Nur bei Greg.
Er ist kein Freund. Nur einer, den sie eben kennt.
Sie weiß, dass er sie gut findet. So gut, dass er sie immer einladen will: zum Kaffee, zum Eis, zum Essen.
Einmal ist sie seiner Einladung gefolgt.
Sie saßen nebeneinander auf einer gepolsterten Bank. Er roch nach Fett. Und muffig. So, als würde sein Geruch ihn in die Tiefe der gepolsterten Bank ziehen. So fest hinein, dass er sich gar nicht mehr bewegen konnte.
Silvie hatte die ganze Zeit mit dem Löffel in ihrem Kaffee rumgerührt. Dabei gab es gar nichts zum Rühren. Sie trank den Kaffee schwarz. Einmal ist ihr der Löffel runtergefallen.
Greg krabbelte unter den Tisch. Der Löffel lag neben Silvies rechtem Bein, mit dem sie hin und her wackelte.
Greg sah, dass sie zwei verschiedene Strümpfe anhatte.
Wir passen nicht. Niemals. Das dachte er in diesem Moment.
Er setzte sich wieder auf die Bank. Neben Silvie. Dabei berührte er ihre Hand. Das war zufällig.
Greg wollte gar nicht Silvies Hand berühren, jetzt, wo er gedacht hatte, dass sie nicht zusammen passen.
Greg redet nicht viel.
Silvie findet Greg so ganz anders. Alles, was von ihm ausgeht, ist nicht fröhlich. Auch seine Kleidung nicht.
Die ist trübe und karg. Braun und jägergrün. Grau auch.
Silvie möchte gerne einen fröhlichen Mann haben. Dann kann sie auch mal traurig sein.
Greg hat lichtes Haar. Dafür kann er nichts. Silvie denkt, dass Greg etwas mit ihr anfangen will. Sie ist froh, dass er schüchtern ist. Zu schüchtern, um sie zu fragen, ob sie ein Paar werden wollen.
Silvie denkt, dass das heute ja sowieso niemand mehr fragt. Außer Greg vielleicht, wenn er sich trauen würde. Zum Glück traut er sich nicht. Das denkt Silvie.
Greg denkt, Silvie und er passen nicht zusammen.
Silvie denkt, sie müsste Nein sagen. Das würde Greg noch trauriger machen.
Greg findet, dass es traurig ist, dass Silvie und er nicht zusammen passen.

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