marlene schulz

Ich habe mich verliebt

Es ist ganz frisch. Dabei wollte ich das gar nicht mehr. Hatte gedacht, wenn du dich verliebst, wirst du dich auch wieder entlieben, nach einer Zeit. Wirst dir Gedanken machen, wie es sein wird, gemeinsam zu altern, welche Seiten von ihm – die unangenehmen – die du jetzt noch gar nicht siehst, sich vordrängeln werden, wirst dir vorstellen, wie er sich fragt, ob du ihn pflegen wirst, schlimmer noch, wenn er erst gar nicht fragt und doch bleibt.
Wirst schon viel früher, bevor das Ende da ist, wissen, dass es kommen wird, wirst wieder denken: Hätte ich doch nur schon vor anderthalb Jahren …
Ich wollte es nicht und auf einmal ist es so gekommen.
Er ist sehr groß, ein Riese, wie schon mal, aber dieses Mal sind es mehr als vierzig Zentimeter Unterschied in der Höhe. Ich spüre schon meinen Nacken schmerzen, aber: Es ist mir egal.
Ich habe ihn angesprochen. Ein Wort ergab noch eins und dann einen Satz, eine Frage, eine Antwort, eine Neugier, gefühlt: mal zwei. Es störte nicht, dass auch andere um uns herum waren. Wir beachteten sie nicht, waren beschäftigt, so beschäftigt mit uns, dass wir nichts anderes sahen, nichts anderes sehen konnten, nichts anderes wollten.
Wir gingen zum Essen in ein Lokal, direkt am Meer. Saßen nebeneinander an einem langen Tisch, hörten nicht auf zu sprechen, weshalb auch? Was wir aßen war uns einerlei, ich bin nicht sicher, ob wir wirklich etwas zu uns nahmen. Wir tafelten miteinander und er, er stillte meinen Hunger.
Er rauchte dieselbe Marke, die ich auch einmal geraucht hatte und froh darüber bin, das los zu sein. Ob ich auch eine wollen würde. Wir gingen vor die Tür. Trotz Oktober war es warm. Draußen war er gar nicht mehr so groß, vielleicht war er mir ein Stück entgegen gekommen und ich ihm. Ein paar Leute um uns herum lehnten wie wir am Geländer der Kaimauer. Ich war immer noch nicht entschieden, ob ich wegen ihm und mit ihm eine rauchen wollte. Meine innere Verführung lockte, verjüngte mich, ließ mich schwerelos sein. Ich hatte bis dahin nicht einmal seinen Namen erfragt.
Wasser schwappte von der Brandung über das Geländer. Die anderen sprangen zurück. Er war stehen geblieben, ich stellte mich seitlich hinter ihn. Er zog sein Hemd aus. Noch einmal spritzte das Wasser hoch. Tropfen auf seiner Haut. So greifbar nah hatte ich schon lange keinen Männerkörper gesehen. Wie jung er ausgesehen hatte und schön dazu. Sein Körper: wie ein Geschenk, das er für mich ausgepackt hatte. Meine Hand berührte seinen Rücken. Mit Fingerspitzen zeichnete ich die Linien seiner Rippen nach. Ich war hungrig und wurde nicht satt.
Ich habe mich verliebt, ganz frisch. Es ist erst ein paar Stunden her, ich hatte nicht damit gerechnet.
Es hat mich einfach eingeholt heute früh um kurz nach sechs, als ich schon eine Stunde wach gelegen und plötzlich noch mal eingeschlafen war.

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