marlene schulz

Abschied


schon viele Male hatte ich Abschied gespürt
oft gedacht: du wirst ihn nicht wieder sehen, nicht so
immer gehofft, er wird es nicht sagen

es war früh am Morgen als sie mich anriefen
ich wollte nicht kommen, nicht gleich, nicht heute

den ganzen Tag sah ich ihn vor mir
die zitternden Hände, das lichte Haar, wie er da saß
mit den zu groß gewordenen Hosen, dem weiten Hemd

am nächsten Tag fuhr ich hin
sie hatten einen Schlüssel besorgt von da, wo er jetzt lag
damit ich hingehen konnte, ihn noch einmal zu sehen

ich schlich um die Tür am Eingang, dachte
was, wenn ich nicht hineingehe
ich hatte mich doch schon so viele Male verabschiedet von ihm

schloss dann doch die Tür auf, die Klinke ging schwer,
ich trat ein wenig zur Seite beim Öffnen,
dehnte die Zeit zwischen Hineinsehen und Entdecken

er lag hinten links in dem kleinen Raum
alles gekachelt wie beim Schlachter

jeder Schritt auf ihn zu brachte mich weg von ihm
und als ich neben ihm stand, wagte ich nicht ihn zu berühren,
kalt, wie er da lag, in seinem fernen Anzug.

 

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